“Auf jeden Fall verrucht” – Leipziger Internet Zeitung

Leipziger Internet Zeitung – www.l-iz.de – Volly Tanner am 16.9. 2015 – Kultur/Lesungen

Tanners Interview mit der blinden Erotik-Autorin und TV-Moderatorin Jennifer Sonntag

Es gibt starke Menschen. Und damit meine ich nicht die muskelbepackten Schreihälse, die völlig unbeherrscht um sich schlagen, sondern die wirklich starken, die leisen und verändernden Menschen. Mit Jennifer Sonntag durfte der Tanner schon für ein Hörbuchprojekt zusammenarbeiten. Jetzt kommt sie am 17. September in Lehmanns Buchhandlung in der Innenstadt – und hat ihren Freund und ein erotisches Buch/Hörbuch dabei. Tanner hakte nach.

Guten Tag, Jennifer Sonntag – am Donnerstag gibt es Deinen Mann Dirk Rotzsch – ehemals Dirot von Lament – und Dich, zusammen in der Lehmanns Buchhandlung in der Innenstadt, als Lesung aus Eurem Buch „Liebe mit Laufmaschen“. Ich freue mich. Wann geht es denn los – und wie können wir uns die Lesung vorstellen?

Hallo Volly! Na, auf jeden Fall verrucht, das darf ich versprechen. Unsere Gäste sollten keine Angst vor Erotik haben. Aber darum geht es nicht allein. In unserem Buch interessieren wir uns für die „Laufmaschen“ in den Lebensgeschichten der Menschen, also für den Fehler im Perfekten, der für uns eine Geschichte, eine Person oder Situation erst reizvoll oder erzählenswert macht. Wir betrachten die „Liebe mit Laufmaschen“ insgesamt als erotisches Kunst- und Literaturprojekt, da wir zu den Texten auch Zeichnungen entstehen ließen. Im Grunde nichts Besonderes, wenn ich selbst nicht blind wäre. Das hat die Sache schon etwas spektakulärer gestaltet. Wieso Blinde überhaupt versaute Bilder wollen, wie dieses „blinde Verstehen“ beim gemeinsamen kreativen Arbeiten funktioniert und warum Dirk seine und Anja Nititzki meine Texte lesen wird, all das wird man direkt in der Lesung erfahren oder kann es im anschließenden Interviewteil selbst erfragen. Beginn ist 20:15 Uhr.

Im Buch ist auch noch eine CD inliegend. Darauf sprechen Sprecherinnen und ein Einsprecher: Sarah Strehle, Marion Alexa Müller und Thomas Manegold. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ja, die beigelegte CD enthält sieben aufgesprochene Texte, im Sinne einer Hörprobe. Es lohnt sich allerdings immer, auch das Buch zu lesen, da es ja insgesamt über 20 Kurzgeschichten umfasst. Die Sprecher auf der CD gehören allesamt zum Periplaneta-Team. Periplaneta ist ja der Berliner Verlag, bei dem wir „Die Laufmaschen“ veröffentlicht haben. Zum Verlag gehört auch ein eigenes Studio für Audioproduktionen. Marion Alexa Müller und Thomas Manegold kenne ich schon sehr lange, da sie meinen Lyriksampler „Die Sehenden sind taub in den Augen der Blinden“ und mein Hörbuch zu „Märchenland im Müll“ umgesetzt haben. Ach, bevor ich es vergesse: unsere blinden Leser können übrigens den gesamten Textblock zu „Liebe mit Laufmaschen“ barrierefrei am PC nachlesen, der ist ebenfalls als elektronische Fassung auf der dem Buch beigelegten CD enthalten.

Du machst ja auch TV – kannst Du unseren Leserschaften da bitte etwas mehr davon erzählen?

Ich kamerascheues Wesen… Ohne Quatsch, das bin ich wirklich! Aber du hast Recht. Seit 2008 moderiere ich für das MDR-Fernsehen die „SonntagsFragen“. Seit 2014 sind wir ein eigenständiges Format mit 30 Minuten Sendezeit, dafür bin ich schon sehr dankbar. Vorher liefen wir innerhalb der Sendung „Selbstbestimmt“ in einem kürzeren Interviewfenster. Das gibt es zwar auch noch, aber so eine Kurzfassung ist schon manchmal eine sehr undankbare Sache. Ich darf ja, wenn man so will, aus dem Blickwinkel der Nichtsehenden auf prominente Gesprächspartner treffen und mein Gegenüber dazu motivieren, gewohnte Denkräume zu verlassen. Man unterhält sich sehr lange und intensiv und dann freut man sich schon, wenn so viel wie möglich auch gesendet werden kann.

Einmal monatlich, 9:45 Uhr, natürlich sonntags, sind die „SonntagsFragen“ zu sehen. Findet man aber auch ganz leicht online in der MDR-Mediathek. Über 60 Promis habe ich mittlerweile mit meinen Fragen gequält und letztes Jahr haben wir für das Format den Mitteldeutschen Inklusionspreis erhalten. Da hat sich mein Tastsinn schon ziemlich gefreut, da der Preis in Form einer frechen Maulwurfsskulptur daher kam. Passte zu mir, der sieht ja auch nicht so gut und eigentlich arbeite ich auch am liebsten da wo es dunkel und still ist…

Unter Deinen Projekten auf Deiner Homepage http://www.blindverstehen.de fand ich die Unterpunkte „Schminkschule“ und „Modenschau“. Nun bist Du ja blind. Wie muss ich mir diese Projekte unter der Blindheit deinerseits vorstellen? Das gestaltet sich ja schon für mich extrem schwierig, wenn ich mich schminke, sehe ich aus wie ein Kasper.

Das ist jetzt aber Nahrung für mein Kopfkino… Volly, ich wusste nichts von deinen Neigungen. Aber im Ernst. Ich bin zwar als Autorin und Moderatorin aktiv, von Hause aus bin ich aber Sozialpädagogin und als solche auch am Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Halle tätig. Dort biete ich für hochgradig sehbehinderte und blinde Rehabilitanden Imagekurse an, die auch dabei helfen sollen, den Betroffenen ein realistisches Selbstbild zu vermitteln. Wer sein Spiegelbild zum Beispiel durch einen Unfall oder eine Augenkrankheit ganz oder teilweise verliert, muss Alternativen finden, um sich wiederzuerkennen, im inneren Spiegel. In unserer Einrichtung geht es ja in erster Linie darum, die Betroffenen für den Arbeitsmarkt wieder „fit“ zu machen. Da braucht man eine selbstbewusste Ausstrahlung. Weil ich ja nun selber Frau bin, kann ich sehr gut nachfühlen, was insbesondere erblindende Frauen empfinden und was ihnen dabei hilft, sich wieder souverän und selbstbestimmt zu geben.

Deshalb konzipierte ich Projekte und Kurse, die blinden Frauen Mut machen. Es gibt tatsächlich „blinde“ Schminktechniken, auch vermittelt vom Berliner Starvisagisten Rene Koch. Ich erarbeite zusätzlich selbst Tricks und Kniffe und gebe Tipps weiter, die ich nicht für Hexenwerk halte. Die von Karsten Hein dokumentierte Modenschau „Die Schönheit der Blinden“ und die Ausstellung dazu wird in diesem Jahr sogar auf den Leipziger „Designers Open“ präsentiert. Ein Projekt, welches ich initiierte. Hier trauten sich blinde Damen und Herren im Designerzwirn vor die Kamera und präsentierten kunstvolle Braillestickereien. Die Models durften einander mit Fingerspitzengefühl betrachten. Ausnahmsweise war Handgreiflichkeit also zugelassen. Optische Ästhetik wird für mich immer ein Anliegen bleiben. Für die eigene Haltung kann es eben schon sehr wichtig sein, den Kontakt zu den Gesetzen der sehenden Welt nicht zu verlieren. Nur weil man selbst nicht mehr sieht, heißt es ja nicht, dass man nicht gesehen wird.

Es gibt von Dir auch CDs in der DZB zu bestellen. Was ist denn die DZB und was sind das für CDs? Erzähl mal bitte ein bisschen.

Die DZB ist die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig. Das ist noch so ein wunderschöner alter Begriff, da das Haus schon eine lange Tradition hat und immer bemüht war, blinden Menschen Literatur zugänglich zu machen. Ich kann also als Blinde dort Braille- und Hörliteratur aus einem riesigen Sortiment ausleihen und empfinde dies wirklich als absolute Bereicherung. Als Späterblindete bin ich keine so gute Brailleleserin, deshalb gilt meine Leidenschaft eher den Hörbüchern. Ich selbst bin aber nicht nur Kundin, sondern arbeite auch regelmäßig mit der Einrichtung zusammen. Meine Audio-Anthologie „Zigaretten danach“ habe ich in der DZB veröffentlicht. Dafür konnte ich insgesamt 18 Autoren gewinnen und ja, auch hier ging es bereits um erotische Skurrilitäten.

Volly, wir müssen jetzt nicht rot werden. Auch du warst damals mit einem Beitrag beteiligt. Abgesehen davon hat die DZB auch einige meiner Printbücher als Hörbücher produziert, um sie auch blinden Menschen zur Verfügung stellen zu können. Das ist ja das große Problem. All die Bücher, die jährlich auf dem Markt erscheinen, müssten ja auch für Nichtsehende konsumierbar gemacht werden. Es gibt zwar zum Glück mittlerweile auch viele kommerzielle Hörbücher, aber nicht zu jedem gedruckten Buch, was man als Blinder vielleicht fürs Studium braucht oder was man gerade lesen möchte, gibt es eine barrierefreie Alternative. An der Stelle versucht die DZB zu greifen und ausgewählte Exemplare zu übertragen. In meinem Fall ist es mittlerweile aufgrund einer Verlagsauflösung sogar so, dass meine Printexemplare längst vergriffen sind, aber die Hörbücher in der DZB ewig weiterleben können, da sie ja nun einmal dort aufgesprochen worden und archiviert bleiben. Übrigens ist die Lesung bei Lehmanns am 17.09. eine Kooperationsveranstaltung mit der DZB Leipzig.

Du bist ja sehr aktiv. Nun gibt es aber auch Menschen, die aufgrund ihrer Blindheit in völliger Lethargie versinken. Wie kann mensch da helfen?

Das müssen wir uns alle vielleicht hin und wieder mal fragen, egal ob blind oder sehend. Sehen zu können heißt im Umkehrschluss ja auch nicht, immer happy zu sein. Man kann generell keinen anderen Menschen glücklich machen, wenn er nicht auch in sich selbst seine „Lichtschalter“ wieder entdecken möchte.

Ja – aber die Traurigen, Jennifer?

Einen ewigen Pessimisten können wir, auch wenn er sehen kann, nicht ans Licht holen, er wird uns vielleicht sogar irgendwann zu sich in den Schatten ziehen. Streicheleinheiten, auch gesprochene, helfen uns allen in schwierigen Situationen. Unsere Liebsten sind aber keine Profis, manchmal muss es vielleicht externe Hilfe sein. Sich belesen kann helfen. Nicht jeder springt auf Optimismusratgeber an. In bestimmten Momenten kommen sie einem wie Hohn vor. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir unsere Wirklichkeit zu einem großen Teil selber bauen und dass wir unseren Gedanken und Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert sind. Es geht ja letztlich nicht um das Problem, sondern darum, wie man damit umgeht. Probleme gibt es immer, wenigstens das steht fest.

Und jetzt ganz konkret bei Blinden?

Bei der Verarbeitung von Blindheit gibt es verschiedene Phasen, die alle erst einmal durchfühlt werden müssen. Wer da noch ganz am Anfang steht oder irgendwo feststeckt, dem muss ich mit bestimmten Ideen gar nicht kommen. Klar habe ich das auch alles durch und ich halte wenig davon, den Leuten da was vorzumachen. Manchmal falle ich auch zurück in eine längst überwundene Gefühlslage. Aber ich kann mich dabei beobachten und weiß, das wird auch wieder besser. Dann kann ich sogar über mich lachen und denke: „Ach jetzt hat sie das wieder, der Trauerschwan…“

Es kommt auch schon mal vor, dass ich in meinen eigenen Büchern nachlesen muss, wie ich mich in bestimmten Phasen gefühlt habe, weil ich es heute nicht mehr empfinden kann, weil ich wirklich über Einigem stehen kann. Dann bin ich froh, dass ich es damals aufgeschrieben habe, um mich heute zu erinnern, weil ich andere Betroffene verstehen will, die gerade durch ein bestimmtes Jammertal waten. Ich empfehle wirklich die Auseinandersetzung mit diesem Phasenmodell. Darüber rede ich auch mit meinen Rehabilitanden, die ja häufig ganz frisch in der Erblindung angekommen sind. Das nimmt die Angst davor, das alles nie zu schaffen oder komplett über allen inneren Monstern stehen zu müssen.

Ich halte auch nichts von diesen „Wunderblinden“, die uns alle ein Vorbild sein sollen. Ich möchte Mut machen und dabei ehrlich zu meinem Menschsein stehen. Für mich waren inspirierende Gespräche, Sinnesfreuden und Kreativität immer eine starke Triebfeder. Dabei liebe ich aber auch den Rückzug. Für andere Menschen kann das ganz anders sein. Ich wünsche jedem, dass er seine Sterne findet, egal, wie und wo er sie sucht. Wenn man seinen Mitmenschen dabei nicht wehtut, darf man dabei ruhig absurd sein, das Leben ist schließlich eine Absurdität an sich und es hat Laufmaschen.

Danke, liebe Jennifer Sonntag. Es ist gut so. Drück den Dirot von mir ganz feste