Blind Galerie

Schwarzmalen im Blindflug

Im Rahmen unserer erotischen Lesereihe „Zigaretten danach“ zur gleichnamigen Anthologie, wurden wir häufig mit Fragen zu unserem „blinden Verstehen“ konfrontiert, welches sich nicht nur in unserer literarischen Zusammenarbeit widerspiegelte, sondern ganz wörtlich gemeint war: eine blinde Autorin und ihr sehender Co-Autor, kein Thema? Manchmal doch, nämlich dann, wenn es zu einem wertvollen Austausch führt, den inneren Blick erweitert, neue kreative Räume öffnet. So fragte sich die Hörerschaft, wie es mir gelänge, in Bildern zu schreiben, wenn ich doch das, was ich ausführe, gar nicht vor Augen haben kann. Wo blinde Flecken sind, entsteht Raum für Fantasie. Keine freie Fläche bleibt unbespielt. Erst entstehen die Bilder, dann die Worte, oder ist es umgekehrt? Vermutlich formen sich meist Symbiosen aus Wort und Bild, bizarr verwobene Fantasiekonstrukte aus beidem. Ich ließ die Bilder nie los, die Sprache der Sehenden, habe ich sie doch selbst viele Jahre gesprochen.

Nach meiner Erblindung arbeitete ich sehr intensiv mit Fotografen, um mir der Bedeutung der Bildhaftigkeit, auch in erotischen Zusammenhängen, bewusst zu bleiben. Mittlerweile suche ich andere Wege, entwickle Möglichkeiten, einen direkteren Einfluss auf das Bild, welches aus meinem Kopf heraus sichtbar wird, zu nehmen. Auch wenn ich mich nach meiner Erblindung nicht mit Zeichenutensilien konfrontierte, da sie mich zu schmerzlich an Verlorenes erinnerten, drängte es mich nun zunehmend mehr, es wieder zu versuchen. Ich wünschte mir den direkten Kontakt zum Papier. Ich wollte Perspektiven, Konturen und Schattierungen erzeugen, auch wenn ich mir darüber bewusst war, dass meine Ergebnisse nicht mit denen eines Sehenden zu vergleichen sein würden. Diesen Anspruch hegte ich auch nicht. Ich forderte eine Hand und ein Auge – einen Partner – welcher meine Vorgaben respektierte und aufnahm, meine Grenzen erkannte, meine Linien weiterführte, meine Wahrnehmung zuließ und eine Begegnung zwischen den Welten festhielt. Dies gelang durch die Entwicklung einer ganz eigenen „Zeichensprache“ mit meinem Buchpartner Dirk Rotzsch, da wir bereits bei unserer gemeinsamen Arbeit als Autorenpaar in einen sehr intensiven Dialog über innere Bilder geraten waren.

Wir entwickelten die Idee, meine Bildfantasien begleitend zu unseren erotischen Texten aufzuzeichnen. Es lag in der Natur der Sache, dass wir in unserem „blinden Verstehen“ ein einzigartiges kreatives Herangehen entwickeln mussten und uns mit viel Fingerspitzengefühl eine ganz eigene künstlerische Ausdrucksform erarbeiteten. Wir suchten nach Kreide- und Kohlestiften, auch Fasermalern, die beim Agieren auf dem Papier hörbar und spürbar waren, einen gewissen Widerstand leisteten und dadurch mit mir in Kontakt traten. Schwer zu beschreiben, wenn man es nicht selbst probiert. Vor einigen Jahren hätte ich mir auch nicht vorstellen können, dem Klang und dem Sträuben eines Kohlestiftes etwas abgewinnen zu können. Ich lernte verschiedenste Stärken, Härten, Abriebe, auch Papierarten kennen. Da wir im ästhetischen Sinn „Schwarzmaler“ sind, einigten wir uns auf Graukreiden und mischten mit Kohle, je nach dem, ob wir Linien oder Flächen entstehen lassen wollten. Egal ob geometrische Mathematiklehrerin, doppeldeutiger Fantasiepilz oder skurriles Kaspertheater, mein Partner erkannte die Symbole und griff sie auf. Silhouetten musste ich mit zwei Kohlestiften gleichzeitig entstehen lassen, um den Kontakt zur gegenüberliegenden Körperhälfte nicht zu verlieren. Eine interessante Erfahrung war es, mich mit dem Stift führen zu lassen. Ähnlich wie beim Gehen mit einer Begleitperson, gab ich das Ziel an, ließ mich aber auf dem Weg dorthin unterstützen. Wir stellten schnell fest, dass das Zeichenutensil dabei nicht abgesetzt werden durfte, damit ich die innere Linie nicht verlor. Auch bei Schattierungen an den Linien entlang ließ ich mich gern begleiten, da dadurch der Kontakt zum Papier und zur entstehenden Gestalt besonders intensiv wurde. Allerdings fiel es mir im Vergleich zum Geführtwerden deutlich leichter, Linien zu verstehen, die ich eigenständig erzeugt hatte. Manchmal lenkten wir gegenseitig unsere Hände, um eine Perspektive zu verdeutlichen, fanden nicht zu einander, bogen und formten unsere Körper, um unsere Sichten der Dinge zu verdeutlichen. Nicht selten gerieten wir an Grenzen, experimentierten uns in Rage, rangen nach Worten, erzeugten Schablonen, schnitzten in Kartoffeln und gaben es nicht nur einmal verzweifelt auf. Wie viel blinde Perspektive, Wahrnehmung, Wahrheit zulassen? Wie viel Perfektion dem Auge einräumen?

Mit viel Feingefühl und Herzblut sind wir zu einem Ergebnis gelangt, welches wir für wahrlich inklusiv halten. Mir war es wichtig, echt zu sein, mich dabei aber nicht bloßzustellen. Natürlich sind mir meine Grenzen sehr bewusst und es ist mir ein großes Anliegen, dass meine Entwürfe nicht als naive Malerei einer Blinden präsentiert werden. Deshalb suchte ich einen sehenden Zeichenpartner, der mir eine Brücke baut, meine Linien aufbereitet, die Bilder anschaulich macht, ohne meine perspektivischen Vorgaben außer Acht zu lassen. Das Leben ist schließlich so vielfältig, wie die Perspektiven, aus denen man es betrachtet und dabei bedingen die unterschiedlichen Sichtweisen die Definition von Wirklichkeit. Ungewohntes, Verschrobenes, Irritierendes ist durchaus beabsichtigt und soll den Betrachter einladen, zwischen den Wahrnehmungswelten ganz eigene Entdeckungen zu machen.

Für die blinden Besucher unserer Online-Galerie haben wir den folgenden Zeichnungen Bildbeschreibungen beigefügt. Da ich selbst gern Ausstellungen besuche und Kunst und Kultur gestalte, ist mir auch an dieser Stelle ein inklusiver Ansatz wichtig. Herzlichen Dank an Franziska Appel für die stimmungsvoll-assoziativen Deskriptionen. Wir sind uns bewusst darüber, dass Sehen immer subjektiv ist und mehrere Bildbeschreibungen verschiedene Sichtweisen zulassen. Deshalb freuen wir uns sehr über zusätzliche „Worthelfer“. Die sehenden Besucher unserer Galerie möchten wir bewusst dazu anregen, gewohnte Denkräume zu verlassen und sich zunächst vor der Betrachtung der Zeichnungen auf die Bildbeschreibungen einzulassen. Wie wahr ist Ihre Wahrnehmung?

 „Jeder hat seine Untiefen – Hauptsache, man trifft sich im selben Kellergewölbe!